EU kritisiert Meisterbrief – eine General-Abrechnung

Die EU Kommission hat empfohlen, das deutsche Handwerksrecht weiter zu liberalisieren, um die Wettbewerbsfähigkeit weiter zu steigern. In ihrem jüngsten Länderbericht kritisiert die Kommission die – so wörtlich – „ungerechtfertigten Beschränkungen und Marktzutrittsschranken“ und fordert ihre Überprüfung.

Das gefällt den offiziellen Handwerksrepräsentanten nicht, während die kritischen Handwerker als Erfolg feiern, dass auch die EU den Meisterzwang kritisiert. Die Handwerkspresse feuert seitdem aus allen Rohren. Der Bayerische Handwerkspräsident Traublinger meint sogar: „Die Damen und Herren in Brüssel haben gar keine Ahnung“. Der Meisterbrief habe nur Vorteile. Traublinger geht in gewohnt bayerischer Kühnheit so weit, dass er die gute Wirtschaftskonjunktur in Deutschland und die niedrige Jugendarbeitslosigkeit auf das duale handwerkliche Berufsausbildungssystem zurückführt. Am deutschen Wesen, wir kennen das, soll wieder mal die Welt genesen.

Wettbewerb fördert Innovation und Zukunftsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Berufszugangshürden wie der Meisterzwang schränken den Wettbewerb ein. Die Liberalisierung der Handwerksordnung dagegen hat nachweislich zu vielen Existenzgründungen geführt. Dass dem Handwerk nicht jeder Existenzgründer willkommen ist, wissen kritische Handwerker und ihre Gründungsberater zur Genüge. Dabei sollten sich die Handwerkskammern über neue Mitglieder eigentlich freuen.

Die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind nicht so simpel. Dass das Geld der Welt heute wegen der Krise der südeuropäischen Staaten ins sichere Deutschland fließt und hier Arbeitsplätze schafft, hat mit deutschen Berufsbildungssystem herzlich wenig zu tun und das verdankt Deutschland keinesfalls dem Handwerkspräsidenten Traublinger. Dass das Bauhandwerk Konjunktur hat, liegt daran, dass Anleger ihr Geld seit der Finanzkrise und wegen der aktuell niedrigen Zinsen lieber im sog. „Betongold“ anlegen. Und dass das Handwerk gerne ausbildet, heißt nicht,  dass es genug ausbildet. So werden beim zulassungsfreien Beruf des Kochs beispielsweise 3mal so viele Menschen ausgebildet wie im zulassungspflichtigen Beruf Bäcker. So hat das Handwerk 2011 mehr als 200.000 Menschen weniger ausgebildet wie 1999, während Industrie und Handel im selben Zeitraum fast 20.000 Azubis mehr ausgebildet haben. Wie auch immer: Handwerksfunktionäre sind halt seit Jahren unbelehrbar.

Was sie ärgert ist wohl, dass offensichtlich ihre Lobbyarbeit in Brüssel nichts bewirkt hat. Der Meisterzwang ist und bleibt eine problematische Wettbewerbsbeschränkung, die es so nur noch in Deutschland gibt. Und diese verstößt zusätzlich gegen die UN-Menschenrechtscharta. Nach dieser darf niemand gezwungen werden, einer Vereinigung anzugehören. Die Menschenrechte sind zwingend auch deutsches Recht, so dass die Handwerkskammern eigentlich ohnehin niemanden zur Mitgliedschaft verpflichten dürfen (siehe Art. 20 Abs 2 Menschenrechtscharta und Art 25 GG).

Der Meisterzwang ist nicht nur rechtswidrig, sondern auch faktisch auf dem Rückzug. Nur noch 30% aller Handwerkskammermitglieder sind inhabergeführte Meisterbetriebe. 70% haben also irgendeine andere Lösung gefunden – und kritische Handwerker haben hier nicht selten mitgeholfen. Das Handwerk hat somit keinen Grund für so hochtrabendeErklärungen.

Mit anderen Worten: Traublinger hat selbst keine Ahnung.

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